Bei de Fischköpp

 

Heuer hatte die Frauengemeinschaft als Ziel Hamburg - das Tor zur weiten Welt - ausgewählt. Hin- und Rückreise im bequemen Reisebus der Firma Bäuml führten uns an die 1600 km quer durch die Republik. Am letzten Tag verweilten wir für einige Stunden sogar noch in der liebenswerten Messestadt Leipzig. Auf der gesamten Fahrt tangierten wir insgesamt 8 unserer 16 Bundesländer; denn die Schiffsbegrüßungsanlage Wedel- Schulau liegt ja bereits auf dem Boden von Schleswig-Holstein.

Hamburg - eine laute Stadt, voll des bunten Lebens und Treibens, eine Stadt der Industrie und riesiger Hafenanlagen, ständig dominiert durch die Wechsel des Elbwassers, aber auch eine Stadt feinsinniger Elemente. Wir entdeckten stille, historisch gewachsene Winkel, konnten musikalische Zentren hautnah erleben und durchstreiften ruhige, heimelige, lebenswerte Wohngegenden. Selbst-redend, dass wir per Bus auch das berüchtigte St. Pauli zu Gesicht bekamen, mitsamt der bekannten Davidswache.

Bei der Hafenrundfahrt durch die unzähligen Seitenkanäle und Hafenbecken konnten wir riesige Containerschiffe, Kreuzfahrtjachten, ein U-Boot und als Besonderheit die in Reparatur liegende MS-Deutschland, das Traumschiff, in einem Schwimmdock liegend, entdecken. Ein Blick von der Köhlbrandbrücke eröffnete uns aus der Vogelperspektive die mächtige Weite der Hafenanlagen. Wasser von unten und von oben gab es beim Übersetzen über die Norderelbe zum Metropol-Musiktheater auf der Insel, wo der "König der Löwen" bereits seit 8 Jahren allabendlich auf-geführt wird und mit seiner sehenswerten Inszenierung noch immer die Massen anzieht. Eine andere Gruppe von uns besuchte im Operettenhaus an der Reeperbahn das Musical "Ich war noch niemals in New York" und war ebenso begeistert vom musikalischen Genuss.

Besonders nachhaltig waren unsere Eindrücke jedoch von den jahrhundertealten, eng stehenden Gebäuden in der Deichgasse, die ständig der Bedrohung durch Elbwasserfluten ausgesetzt sind und deren Bausubstanz bereits deutliche Schäden aufweist. Im Laufe der Geschichte waren dort mehrfach größere Flächenbrände ausgebrochen, die ganze Stadtviertel vernichteten. Straßennamen wie "Brandanfang" und "Brandsende" erinnern noch heute daran. In krassem Gegensatz dazu erlebten wir die malerischen Wohngegenden in und um Blankenese, fast südländisch angelegte kleine Gärten, Häuser mit Reet gedeckt, durch enge Trep-pengänge verbunden, eng und doch behaglich und wohnlich.

Zum Lagern riesiger Warenbestände, die per Schiff angeliefert wurden, hatte die Stadt vor rd. 150 Jahren entlang einiger Kanäle mächtige, bis zu 7 Stockwerk hohe Backsteingebäude errichtet, die sog. Speicherstadt. Sie prägt die Stadt Hamburg auch heute noch entscheidend mit, und auch heute noch werden viele dieser Speicher genauso genutzt wie damals. In einem dieser Speicher ist mittlerweile die größte Mo-delleisenbahnanlage der Welt eingerichtet worden, das Miniatur-Wunderland. Das muss man unbedingt gesehen haben, das ist nicht nur etwas für die Kleinen. Ganze geografische Landschaften wurden nachgebaut und mit Modellbahnleben gefüllt: die Schweiz, Nordamerika, Schweden, natürlich die Stadt Hamburg...... Züge rauschen durch die Kulissen, Dultplätze blinken und leuchten, auf Brücken und Straßen sausen Autos mit Licht, zu einem brennenden Haus rast die Feuerwehr und...und ...und. Einfach sehenswert!

Was wäre eine solche Tour ohne einen überzeugenden, ortskundigen Fremdenführer?

Als dieser am alten Elbtunnel zu uns in den Bus kletterte, ahnten wir noch nicht, was uns in den kommenden Stunden und Tagen bevorstand. Aris oder Ares mit Namen, von edler griechischer Abstammung, ein studierter Archäologe und Vogelkundler, überfiel uns mit seinem profunden Wissen und seiner lockeren Darbietungsweise derart, dass uns im wahrsten Sinne Hören und Sehen verging. Seine schnoddrige Beredtsamkeit, die unzähligen dreisten Sprüche, seine äußerst flinke Zunge, der nie versiegende Wortschwall über alles und jedes - das alles brachte uns die laute Stadt Hamburg näher, strapazierte immer wieder unsere Lachmuskeln, aber ermüdete gelegentlich auch. In besonderer Weise verstand er es, unsere Halswir-belsäulen in steter Alarmbereitschaft zu halten: "Sehen Sie hier links...", "gucken Sie schnell rechts drüben...", "ach ja, hier links das altehrwürdige Kramerhaus...", "links..", "rechts..." - so verliefen viele unserer gemeinsamen Busfahrten. Klar, dass da Mitdenken und Mitschauen allmählich etwas auf der Strecke bleiben mussten. Und dennoch: Er verstand es als Meister der schnellen Zunge und mit breitem Wissen glänzend, uns die Sehenswürdigkeiten Hamburgs nachhaltig zu vermitteln. Außerdem überraschte er uns auch mit Kenntnissen über Weltenburg, den Frankenjura und Regensburg. Ja, er outete sich sogar als Liebhaber des "süßen Weißwurstsenfs der seligen Witwe Hendlmeier aus der Gesandtengasse", wie er sich ausdrückte.

In bewährter alter Besetzung - es wurden sogar ehemals verdiente Ministranten reaktiviert -feierten wir unseren Vorabendgottesdienst im sog. "Kleinen Michel", einer katholischen Kirche der Gemeinde St. Ansgar. Diese liegt genau gegenüber der berühmten protestantischen Hamburger Michaelis-Kirche, deren ungewöhnlich reichhaltiges, barockähnliches Innenleben wir auch bestaunen konnten.

Vor lauter dicht gedrängtem Programm blieb untertags leider kaum Zeit für einen Besuch auf dem Fischmarkt und/oder zum Verweilen bei Fischsemmel und Bierchen. Und unsere Gemeinschaft funktionierte wieder wie gewohnt, eine lustige, aufgeweckte, fröhliche und zu vielen Scherzen und lautem Gelächter bereite Busgesellschaft. Es fehlte nicht einmal die Möglichkeit, das erste WM-Spiel unserer Mannschaft über Bus-TV zu verfolgen, wobei es manche Adlsteiner Störmeldungen zu bewältigen galt. An das Organisationsteam Evi und Anni sowie an Familie Bäuml ein großer Dank für die hervorragende Planung der Reise und für die stets reibungslose Abwicklung.

PB.